Liebevoller Blick fürs Skurrile im Alltäglichen

Es gibt Dinge, die lassen sich im Dialekt einfach direkter und persönlicher sagen - oder auch singen! Die aus Dettingen stammende Gitte Müller, die jetzt in Kirchentellinsfurt lebt, hat letzteren Weg gewählt. Ihre Platte "Fr Di", auf gut Hochdeutsch: "Für Dich", zeigt, dass der Südwest-Dialekt auch in er Musik einen ganz eigenen Charme hat: bodenständig, verwurzelt - und doch hintersinnig verschmitzt. In der Musikszene ist Gitte Müller schon seit Jugendzeiten aktiv; in den 1990ern war sie mit ihrer Toneband eine Institution. Der Mut zur Mundart brachte sie 2012 bis ins Finale des renommierten Sebastian-Blau-Preises.

Auf ihrer aktuellen Scheibe versammelt sie Sängerin mit der markant angerauten Stimme neun eigene Songs. Ihr Zungenschlag ist dabei so authentisch und erdig wie die im besten Sinne handgemachte Begleitung. Die wird von ihr selbst aus der Gitarre gezupft; zuweilen legt Michael Stoll den dunklen Grund seines Kontrabasses darunter. Oder in einem Fall den sonor und etwas wunderlich klingenden Ton der Kontrabassflöte. Meist entwickeln sich die Lieder in sanftem Balladenton; zuweilen kommt auch ein dezent galoppierendes Western-Gefühl auf.

Der schwäbische Sprachfluss entfaltet sich bei Gitte Müller dabei genauso ungekünstelt und unverstellt wie ihre Stimme. Auf den ersten Blick ganz alltagsnah und wohltuend unaufgemotzt lässt sie ihre Geschichten und Betrachtungen vorüberziehen. Wer sich zum entspannten Strömen ihrer Stimme zurücklehnt, ist ihr aber schon in die Falle gegangen. Denn die Texte haben es in sich! Mal wettert sie gegen die Zugezogenen mit ihren Vorurteilen gegen die Mundart; dann zerpflückt sie wieder genüsslich das Jammern über Probleme, die keine sind. Den Karrieristen, dem nichts mehr gut genug ist, erinnert sie daran, wie auch er in jungen Jahren beim Urlaub in Portugal mit billigem Rosado zufrieden war. Dazu gibt es berührende Liebeslieder und nicht weniger treffende Trennungs-Thematik.

Vor allem hat Gitte Müller einen wunderbaren Blick fürs Skurrile. Ob sie sich nun den Schusszwang der Hobbyjäger vorknöpft oder eine ersehnte Liebelei im Traum engleisen lässt - ihr fallen immer neue schräge und doch herrlich treffende Bilder ein.

Leute, sagt sie damit, seht es nicht so eng, mit den Schwaben, mit den eigenen Marotten, mit den Fährnissen des Alltags. Beim Sprung ins Wasser den Badeanzug vergessen? Sich beim anprobieren einen Hexenschuss geholt, der nun mitten im Laden gedehnt werden muss? Schwamm drüber, zuweilen ist das Leben eben bunter als gedacht. Und mit einem Augenzwingern viel erträglicher. (GEA)